Kraftwerk im Burgtheater, oder die Erfindung der elektronischen Musik

So wie Byung-Chul Han im Begriff ist, eine Phänomenologie des Digitalen zu entwickeln und dafür erst die Begrifflichkeiten zu er-finden, so lässt sich Kraftwerk als der Soundtrack zur technisierten Welt begreifen: Als Sprachentwicklung in Sachen Musik – „die Musik der technisierten Welt lässt sich nur auf einem Instrumentarium der technisierten Welt darstellen“ (Ralf Hütter, Mitbegründer Kraftwerk).

Kraftwerk (c) Peter Böttcher

Kraftwerk (c) Peter Böttcher

Wenn Han mitunter mit dem Vorwurf konfrontiert wird, dass seine Begrifflichkeiten unscharf sind, metaphorisch und deshalb missverständlich, so ist das zum Teil der Intention geschuldet, sich einen neuen Diskurs zu er-schreiben. Wenn Kraftwerks Oeuvre aus heutiger Perspektive mitunter schon etwas aus der Zeit gefallen wirkt, dann ist das zuvorderst dem Umstand geschuldet, dass die zugrunde liegende Technisierung aus den frühen 70ern bis hinein in die 90er inzwischen historisch ist, nichtsdestotrotz er-schufen sie die musikalische Form zur Thematisierung vom Verhältnis Individuum-Technologie-Gesellschaft.

Kraftwerk (d.i. Ralf Hütter samt Neubesetzung) gastierten im Rahmen der Festwochen Wien mit „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ im Burgtheater. Die hiesige Nerdgemeinde war komplett aus dem Häuschen – dementsprechend waren die Konzerte toute suite ausverkauft. Mit Glück erhaschte ich noch Tickets für die Tour de France – ein mir nicht allzu bekanntes Album der Düsseldorfer, aber: ich wollte bloß sehen, einen Eindruck von diesen Pionieren der elektronischen Musik erhaschen.

Vier Männer, die erratisch Keyboards manipulieren, Knöpfchen drehen, Schieber betätigen, Tastaturen streicheln: Ein Ensemble vor 3D-Leinwand, wo die ikonographischen Kraftwerk-Sujets projiziert und dynamisiert werden.

Kraftwerk (c) Hannes Stiebitzhofer

Kraftwerk (c) Hannes Stiebitzhofer

Mitunter beinahe museal wirkend, wenn Schwarz-Weiß-Bilder von historischen Radrennen gezeigt wurden, allerdings soundtechnisch auf Trab gebracht: Die Bässe brummten satt in den Eingeweiden, die Synthesizer-Riffs zerschnitten die Luft, wie die projizierten 3D-Objekte….

Wenn es einen Begriff gibt, der alle Elemente von Kraftwerks Schaffen auf den Punkt bringt – dann: Es geht immer um Geschwindigkeit als Ausdruck der Relation zwischen Mensch und Umwelt. Und die fortschreitende Technisierung manipuliert diese unwiederbringlich. Das ist kaum eindrücklicher darstellbar als in der Visualisierung zur Autobahn.

Kraftwerk (c) Peter Böttcher

Kraftwerk (c) Peter Böttcher

Wo der VW Käfer (Ralf Hütter sagt im Interview, er hätte selbst so einen gehabt) vom Mercedes überholt wird – der der Band damals als Tourfahrzeug diente, die Autobahn – in aller ihrer fürchterlichen Referenz hinsichtlich drittem Reich – trotzdem abgefeiert wird, als Weg in die Freiheit. Quasi als deutsche Antwort auf den amerikanischen Highway. Gerader, exakter – und: Sechsspurig!

 

 

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