Mit Daniel Romano weinen

Für einen Abend wurde aus dem Local, eingezwängt zwischen Gürtel-Brücke, U-Bahn und Straßenbahn, umtost vom Straßenverkehr und ausgeleuchtet in Gelblicht, ein Honky-Tonk somewhere in the middle of nowhere. Ein einsames Licht, umgeben von undurchdringlicher Nacht.

Eine Steele-Gitarre dringt anklagend nach draußen, eine Violine pinselt traurige Striche.

Daniel Romano, 9/10 Local, Wien

Daniel Romano, 9/10 Local, Wien

Ein Mann besingt sein ewiges Unglück, wütet ob der beständigen Ungerechtigkeit, der auszuweichen er nicht imstande ist. Im Gegenteil, der Becher muss bis zur Neige ausgetrunken werden, was dem Kopf klar sein mag, macht für das Herz noch lange keinen Unterschied.

They say time can take the pain away, because time changes everything.
But time forgot to change my heart. Yes time forgot to change my heart.

Daniel Romano, 9/10 Local, Wien

Daniel Romano, 9/10 Local, Wien

Und – wir weinten nicht, wir übten bloß eine neue Rolle.

I’m not crying over you,
I’m not crying over you,
you might think so, but you’re wrong
know that feeling’s dead and gone
there’s crying, but is just a role I’m working on.

Daniel Romano war dank Othmar Loschy in der Stadt, die Freundin seiner Schwester, die uns vorab mit melancholischen Liedern beglückte, bekam von Roman Sonnleitner Geburtstagsküchlein überreicht, die Rührung stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Nur der Steele-Gitarrist und die Bassistin, die verzogen keine Miene.

9. Oktober: Daniel Romano im Local

Nicht genug zu danken ist dem umtriebigen Herrn Loschy, dass er einen der wichtigsten zeitgenössischen, jungen Country-Sänger nach Wien holt – Daniel Romano himself ist am 9. Oktober im Local zu hören. Und Leute, euch ist nicht zu helfen, so ihr euch das entgehen lässt: Weinen lässt sich zusammen am besten…

Sturgill Simpson: Life Ain’t Fair and the World Is Mean

Im LA Weekly wurde kürzlich eine Liste von Leuten abgedruckt, die Country machen, den der/die Interessierte gehört haben muss. Unter anderem Daniel Romano, den ich letztes Jahr schon in die Best of Charts wählte – und den der umtriebige Herr Loschy im Herbst nach Wien lotsen wird. Dass selbiger das 1. Americana Fest in Wien organisiert,  muss ebenfalls erwähnt werden: Ab 18. September ist rund ums WUK  mit erheblich mehr Karohemden und Cowboyboots zu rechnen.

Die LA Weekly listet auch Sturgill Simpson – über den Herrn stolperte ich erst neulich – und war sehr hingerissen…

Well, the most outlaw thing that I’ve ever done
was give a good woman a ring
But that’s the way it goes,
life ain’t fair and the world is mean.

 

Best of 2013

Da es offenbar ein paar Menschen gibt, denen daran gelegen ist, meine Klugscheißerei betreffend das Musikschaffen in Form eines Rückblicks nach zu lesen, wohlan…

In Sachen Seelenmusik zu erwähnen ist konsequenterweise Charles Bradley, der beim kongenialen Daptone-Label seine neue Scheibe, Victim of Love, veröffentlichte. Und sie klingt: Alt. Demnach so, wie sie klingen soll – da der gute Mann einer der wiederentdeckten Altspatzen ist wie etwa die heilige Sharon Jones.

Ein jüngerer Mann, der allerdings schon im Vorjahr bei mir seine Erwähnung fand, ist Willis Earl Beal – damals mit der EP, der seinen ersten Longplayer vorlegte – Nobody knows, irgendwo zwischen Soul-Blues-Lo-Fi-und-sonst-was… Love it.

Ebenfalls konsequent zwischen den Stühlen bewegt sich Mister Lonnie Holley mit Keeping a Record of it. Weil es diesem Mann wahrscheinlich komplett wurst ist. Die Legende sagt, dass er als das siebte von 27 (!) Kindern geboren und für eine Flasche Whiskey verkauft wurde… Seine Musik ist irgendwo zwischen Gil Scott-Heron und Terry Callier anzusiedeln – muss ich noch mehr schreiben? Hört selbst…

Im Gitarrenfach haben heuer – wie schon 2010 – altbekannte Herren wie Arcade Fire (Reflektor) und The National (Trouble will Find me) wieder nachgelegt. Dass von My Bloody Valentine (m.b.v.) ebenfalls was Neues kam, ist selbstredend sensationell. Allerdings eher das Faktum als die Platte selbst. Alles hörenswert. Ganz zweifellos. Allein – diese Leute brauchen keine zusätzlichen Lobeshymnen. Eine solche möchte ich allerdings für Golden Gunn und deren gleichnamiges Album Golden Gunn anstimmen. Mike Taylor und Steve Gunn auf den Spuren von J.J. Cale, zwischen souligem Country und gezupfter Gitarre… ein Genuss!

Wo darüber hinaus jede/r mal rein gehört haben sollte, ist die fulminante neue Scheibe von Tim Hecker, namens Virgins. Klar, das hat mit Gitarre so viel zu tun wie Kühe mit Rad fahren. Aber wie schon letztes Jahr, sind auch heuer meine Prioritäten in dem Bereich eher im noisigen, abseitigen gelegen. Heckers Platte ist wohl am ehesten irgendwo in der Elektronik zu verstauen, gleich neben Fennesz. Oder so. Und es wird behauptet, dass der Horrorfilm schon in Arbeit ist, wozu Hecker den Soundtrack vorab lieferte…

Womit ich beim ländlichen Genre angekommen wäre, wo ebenfalls zwei große Namen ihrem Oeuvre Erweiterungen hinzugefügt haben: Bill Callahan zeigt mit Dream River einmal mehr, dass Fröhlichkeit keine Kategorie für gutes Songwriting darstellt, Tony Joe White, die Mutter des Swamp-Rocks, wiederersteht mit Hoodoo aufs Wesentliche reduziert… Was alles gut und schön ist, aber niemanden vom Hocker reißt. Das macht dann allerdings Daniel Romano. Das folgt der Logik im Soul. Altes neu bewerten – und hurtig in die Fußstapfen der Altvorderen gehüpft. Come Cry With Me kommt daher, wie Country immer schon daher kommen musste.

Immer schon… ein Gott in Sachen Country war Lee Hazlewood. Und da es zu einem Konzeptalbum von ihm, Trouble Is A Lonesome Town, von Frank Black (Pixies!) und Konsorten unter dem Namen Thriftstore Masterpiece eine ambitionierte Neuaufnahme gibt, darf das natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Hinzufügen möchte ich heuer noch zwei Platten. 1. Colin Stetson New history warfare vol. 3 – was schon einen Auftrag bedeutet. Sich nämlich ebenfalls mit den anderen beiden Teilen zu beschäftigen. Stetson, seines Zeichens gut beschäftigter Tour-Musiker für Bands wie Arcade Fire, The National, TV On the Radio etc. – ist ein großer Experimentator. Und die Alben bewegen sich irgendwo zwischen Jazz und Experiment und Minimal-Music. Hört da rein – ein großes Vergnügen!

Und 2. die wunderbare Kombo Brosd Koal rundum den bewundernswerten Schwamberger Karl, die mit Brosd Koal 1 ihr Debut zwischen Volksmusik und Country, Folk und Experiment vorlegten.