Begeisterungen im Arkadenhof und in der Krieau

Dr. John, Arkadenhof, 8. Juli 2014

Dr. John, Arkadenhof, 8. Juli 2014

Ein eher exzentrischer älterer Herr, namens Malcolm John Rebennack vulgo Dr. John, begeisterte am Dienstag zumindest manchen Musikkritiker. Meiner einer war ob des recht lustlos in die Tasten geworfenen Sets im Arkadenhof des Rathauses dann doch eher entgeistert. Insbesondere nach der mit Verve vorgetragenen Aufwärmung durch die fabulös und gut gelaunt dahin stampfende Preservation Hall Jazz Band. So stellt sich ein naiver Mensch wie ich New Orleans und Dixie vor: Jubilierend in den Abgrund. Nun, Dr. John war es an diesem Abend wohl eher angelegen, das Düstere von selbigem in Töne zu kleiden – mitunter aufgehellt durch eine fantastisch aufspielende Posaunistin.

Wogegen die Begeisterung in der Krieau sich bitten ließ: Trotz Selbstaufgabe der schweren Herren von Metallica, die sich ihr Programm vom Publikum diktieren ließen. Die Setlist entstand auf Grund eines Fan-Votings – By Request heißt konsequenterweise das Tourformat: Die Demokratisierung des Tourprogramms jubeln die einen, die Bankrotterklärung jedes künstlerischen Anspruchs lamentieren die anderen. Nicht unbegründet, angesichts dieser Mischung aus Bierzeltstimmung und Festival-Betriebsamkeit, wo sich irritierende Rituale von Männerfreundschaften konkretisieren (müssen?) und sich meiner einer fragte, ob sich die Geschichte von der Hirnblutung auf Grund zu heftigen Headbangens nicht vor seinen Augen wiederholte – umtost von einem von Sturmböen zerfledderten Best-of-Medley.

James Hetfield, (c) Robert NEWALD

James Hetfield, (c) Robert NEWALD

Wie auch immer – dem Vollhaareinsatz zum Trotz wollte der Funken nicht wirklich überspringen. Die Herren auf der Bühne solierten und guckten grimmig und angestrengt wie es dem Genre entspricht, das Publikum grüßte den Teufel, wie es sich Szene-typisch gehört, allerdings war es auch immer wieder damit beschäftigt das Geschehen zu filmen und fotografieren und also nicht recht bei der Sache. Erst gegen Ende der Show, wo der Sandmann kam und  nichts anderes mehr wichtig war, schien der Bann gebrochen: Inzwischen war es dunkel geworden in dieser Trostlosigkeit zwischen Glaspalästen, Architekturminimundus und ruinösen Tribünen, Windböen wischten den Sound immer wieder weg, sodass sich James Hetfields Mund auf den Videowalls zwar ausdrucksintensiv verzerrte, aber nur ein sanftes Nuscheln zu hören war. Die Riffs verweht, einzig das Schlagwerk hämmerte weiter, seines Sinns entleert. Ein bizarres Erlebnis, das seine trefflichste Charakterisierung durch James Hetfield selbst bekam: Geht es Euch gut? Ich möchte, dass Ihr mit einem Lächeln nach Haus geht.

Weiß der Herr, wovon er die meiste Zeit singt?

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Jubilierend in den Abgrund

Heute Abend darf Dr. John bei seinem Abgesang auf die Welt im Arkadenhof des Wiener Rathauses zugehört werden, gehet hin und weinet.

Blind Eyes of justice, deaf the ears of power
Dumb lose our money
Left us in a desperate hour
Economy
Driving me out of my sanity
Rebellious, Revolution
Is it the final solution?
Final Solution!

Familienbande und Super Soul Revue

Der Juli zog ins Land – und mit ihm wohl der Konzerthöhepunkt des Jahres: Das anbetungswürdige Daptone Label machte in der Staatsoper im Rahmen des Jazzfests Wien mit seiner Super Soul Revue halt.

Super Soul Revue

Super Soul Revue

Wie schon an anderer Stelle von Klaus Nüchtern fest und in Frage gestellt  – man mag von der Subventionspolitik via Jazzfest von Leuten wie Al Jarreau und den Pet Shop Boys an Orten wie der Staatsoper oder dem Rathaus halten, was man will – man darf das natürlich auch für nicht so super halten – allerdings: Dass via Jazzfest Soulgrößen nach Wien kommen, für die es sonst keinen Rahmen, keine Location gäbe, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das Daptone Label wiederbelebt  die alte Idee der Soul Revue, wie in den 60er Jahren, in der Blütezeit des klassischen Souls. Neben ihren beiden Aushängeschildern Charles Bradley und Sharon Jones werden noch drei weitere Acts aus der Daptone-Werkstatt präsentiert – alles fein abgestimmt und moderiert durch Binky Griptite, dem Mister Cool der Dap-Kings.

Charles Bradley, Staatsoper, 1.7.2014

Charles Bradley, Staatsoper, 1.7.2014

Nach einer Intro-Phase mit Saun & Starr und anschließend den Sugarman 3, die gepfefferten Soul-Jazz servierten, der schon recht funkig in die Beine fuhr, markierte Charles Bradley, der ehemalige Koch und James Brown Impersonator, den ersten Höhepunkt der 3 1/2 stündigen Show. Und es war eine Freude, es ging ans Herz, diesen Mann schmachten zu sehen, auf die Knie fallen und im tiefsten Inneren nach der Wahrheit suchen: Real Love is from the Heart, real Love is from the Soul. Was der Mann sich anschickte,  ad hoc zu beweisen und in Stimme zu gießen.

Nach einem durchaus bemerkenswerten Zwischenspiel in Sachen Afrobeat und -funk durch Antibalas, das das Staatsopernpublikum schon nachhaltig in Bewegung versetzte, betrat schließlich die regierende Queen of Soul die Bühne: Misses Sharon Jones.

Sharon Jones, 1.7.2014

Sharon Jones, 1.7.2014

Dass die Frau eben erst eine Krebstherapie überstanden hatte, wäre – so sie es nicht selbst zum Thema gemacht hätte – nicht mal ansatzweise spürbar gewesen. Es war eine Ode ans Leben – und also: ans Überleben. Dargebracht mit Inbrunst und Bestemm: There is no single cancer cell anymore in my body. Das Staatsopernpublikum feierte mit ihr, tanzte mit ihr, ließ die Hüften kreisen und für einen ganz kurzen Moment lang, war Zeit keine Kategorie mehr. Da war nur noch diese eine einigende Gefühl – Mensch

Am Ende traf sich schließlich die ganze Daptone-Family auf der Bühne und gab den Sly Stone… un-fass-bar.

Staatsoper goes Super Soul: 1. Juli 2014

Das Jazzfest Wien beschert uns wieder mal ganz fulminanten Besuch: Morgen, am 1. Juli dieses Jahres, tagt die Super Soul Revue in der Wiener Staatsoper – was bedeutet, dass sowohl die komplett fantastische Misses Sharon Jones zu bewundern ist, als auch der atemberaubende Charles Bradley.

Dass das definitiv die coolste und funkigste Nacht des Jahres wird, kann jetzt schon verlautbart werden.

 

charles bradley am 12/07 am rathausplatz –

pflichttermin für alle soulheadz. unfassbar – hätte nicht charly fluch drauf hingewiesen, das wäre glatt an mir vorbei gegangen, scheißmichan…

der atemberaubend charles bradley beehrt die stadt samt menahan street band – und das ganze ist open air und kostenlos zu bestaunen – wien, ich liebe dich. oder halt diejenigen, die das jazzfest organisieren und sowas möglich machen. schlicht großartig…